FotoDoks 2011 Dokumentarfotografie

FotoDoks 2011 – Festival für Dokumentarfotografie
FotoDoks suchte fotografische Arbeiten mit einem subjektiven Blick auf die Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit unserer Gesellschaft, ihrer Geschichten, ihren Protagonisten, unseren Lebenswelten. Es geht um Standpunkte, Haltungen und Sichtweisen zu Themen unserer Zeit. Aus 250 Einsendungen zum Fotowettbewerb wählte die FotoDoks-Jury 16 Fotoserien für diese Ausstellung.
http://fotodoks.de

Gesucht waren fotografische Arbeiten mit einem subjektiven Blick auf die Glaubhaftigkeit unserer Gesellschaft, ihrer Geschichten, Protagonisten und Lebenswelten. Arbeiten, die sich auf besondere Art den Themen unserer Zeit widmen, die Geschichten abseits oder hinter den Sensationen erzählen und Serien, welche die Sensation selbst in einem anderen Licht darstelle

Die ausgewählten Arbeiten bewegen sich zwischen Sozialreportage, Fotojournalismus und Medienreflexion, zwischen entfernten Krisenregionen und der unmittelbaren Umgebung. Sie beleuchten das Zeitgeschehen, wie auch den alltäglichen Wahnsinn – und ermöglichen so einen Blick auf die aktuelle Dokumentarfotografie, im Spannungsverhältnis von Glaubwürdigkeit und Sensation.

In der Ausstellung UNGLAUBLICH – INCREDIBILE sind zu sehen:
Kai Wiedenhöfer (1966), der seit 1989 den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern dokumentiert, widmet sich in mit „Gaza War Victims – One Year After the War 2009“ den Folgen der israelischen Militäroperation „Gegossenes Blei“ im Winter 2008-2009. Sein schonungsloser und doch diskreter Blick richtet sich auf die Zivilopfer: körperlich gezeichnet durch Amputationen und Verbrennungen schauen die Porträtierten mit festem Gesichtsausdruck in die Kamera.

“The Terrible City – Gaza 2009” von Heinrich Völkel (1974) thematisiert ebenfalls diesen schweren Luftangriff auf den Gazastreifen, konzentriert sich jedoch auf die improvisierten Lebensverhältnisse der Menschen und das Mindestmaß an Architektur bzw. „Stadt“, das notwendig ist, um einen Hauch von Normalität wiederzuerlangen. In den Ruinen findet er dabei eine fast verstörende Ästhetik.

Valerio Spadas (1972) Arbeit erzählt aus dem italienischen Scampia, einem von der Camorra regierten Vorort Neapels. Portraits junger Frauen, Tatort- und Beweisfotos des Mordes an der 14-jährigen Annalisa Durante im Jahr 2004, und Bilder aus dem Wohnkomplex Le Vele verdichten sich zu einer Erzählung zwischen Hoffnungslosigkeit und Zuversicht. „Gomorrah Girl“ setzt sich mit den Lebensumständen und Chancen heranwachsender Frauen in einem von Gewalt geprägten Umfeld auseinander.

Paul Kranzler (1979) begleitet in seinem umfangreichen fotografischen Projekt „Land of Milk and Honey“ (2002-2004) den Alltag seines damaligen Linzer Nachbarn. Ein Alltag zwischen Fernsehen, Bier trinken und Schlafen, der nah, mitfühlend und offen erzählt wird, ohne auch nur einen Moment reißerisch oder wertend zu sein. Eine sozialdokumentarische Reportage, die nicht nur durch die abschließenden Aufnahmen der leer geräumten Wohnung bewegt.

Unsere Vorstellung von Normalität stellt Bruno Pullici (1981) in seiner Arbeit “Domestico” in Frage. In seinen im häuslichen Umfeld aufgenommenen Familienportraits sind einzelne Personen geistig behindert. Statt den Menschen lösen jedoch die dargestellten Situationen und die Beziehung der Personen untereinander Irritation aus und erschweren vorschnelle Kategorisierungen.

Der seit 15 Jahren in Hongkong lebende Michael Wolf (1954) zeigt mit „Tokyo Compression“ den alltäglichen Wahnsinn der Metropole Tokyo. Tagtäglich drängen sich tausende von Menschen in die U-Bahn – an die beschlagenen Scheiben gedrückt, gefangen, wehrlos auch gegenüber der Kamera des Fotografen, versuchen sie sich durch Mundschutz und Kopfhörer, mit geschlossenen Augen und in sich versunken vor dieser unfreiwilligen Zusammenpferchung mit Fremden zu schützen.

Jörg Gläscher (1966) beschäftigt sich seit Anfang 2008 intensiv mit der Arbeit deutscher Soldaten und begleitet sie bei Bundeswehreinsätzen und zu Übungsplätzen. Die Serie „Tod kommt später, vielleicht“ zeigt Soldaten in Vorbereitung auf den Kriegseinsatz. Entstanden sind Bilder, die einen Blick hinter die Uniform, auf das Individuum erlauben und ein unbestimmtes Gefühl zwischen Ungewissheit, Absurdität, Erwartung und Angst spürbar werden lassen.

Eine der größten Waffenmessen im Nahen Osten dokumentiert Julian Röder (1981) in seiner Arbeit “World of Warfare“. In Abu Dhabi kommen die mächtigsten Waffenhersteller der Welt zusammen und präsentieren ihre neusten Entwicklungen und “fortschrittlichen” Tötungsmechanismen. Krieg und der Kommerz dahinter treffen in absurder und erschreckender Art und Weise aufeinander.

Giuseppe Carotenuto (1984) porträtiert junge Soldaten, stationiert in Buji, einem der vermeintlich gefährlichsten Vorposten der italienischen Armee in Afghanistan. Erst nachdem ein Unteroffizier des Postens in einem der zahlreichen Feuergefechte mit Aufständischen ums Leben kam, wurde die Existenz des Vorpostens in der kargen, menschenverlassenen Gegend öffentlich. In begleitenden Tagebucheinträgen schildern die Soldaten ihre Erlebnisse, Gedanken und Ängste.

Franco Pagetti (1950) arbeitet seit 1994 als Fotojournalist und berichtet aus Konfliktregionen, wie Afghanistan, dem Irak, Kaschmir, Palästina und dem Sudan. Seine aus dem Flugzeug aufgenommenen Bilder aus dem Jahr 2009 zeigen ein Afghanistan, wie wir es selten zu sehen bekommen: weite, beeindruckende Landschaften und die imposanten, zerklüfteten Gebirgsketten des Hindukusch.

Auch Alexander Ziegler (1984) zeigt mit „Wide Island“ ganz unvoreingenommene und unprätentiöse Aufnahmen eines Ortes, der in unserem kollektiven Gedächtnis vor allem als Name und historisches Ereignis existiert. Auf seinen Streifzügen durch Hiroshima dokumentiert er seine Eindrücke – ohne sie zu kontextualisieren oder das gängige Bildrepertoire zu wiederholen. Und doch bleibt eine geheimnisvolle Grundstimmung spürbar.

Im April 2009 wurde die italienische Stadt L’Aquila von einem schweren Erdbeben erschüttert; Teile der Altstadt wurden vollständig zerstört. Bei Google StreetView sind auch zwei Jahre später noch die intakten Häuser und Straßen L’Aquilas zu sehen – sie wurden kurz vor dem Erdbeben aufgenommen. Alberto Dede (1971) zeigt mit „StreetView L’Aquila 2011” das Paradox dieser parallel existierenden Städte: das historische L’Aquila im Netz und das aktuelle, zerstörte in seinen Fotografien.

Julia Krüger (1972) konzentriert sich auf die einst boomende „Motor City“ Detroit und erzählt durch ihre atmosphärischen, meist menschenleeren Aufnahmen von den Autos der Stadt mehr, als jede Erzählung. Die Fahrzeuge werden zu Stellvertretern einer Stadtgeschichte, die sowohl Aufschwung und Wohlstand durch die florierende Immobilienindustrie, als auch Rassenunruhen, Bevölkerungsabwanderung, Kriminalität und Verfall beinhaltet.

Im Zisterzienserkloster Pra’d Mill in den italienischen Alpen wird seit Jahrhunderten ein Leben des Gebets, der Arbeit und der Suche nach Gott geführt. Maurizio Cogliandro (1979) gibt in seiner Serie „God’s caress“ durch seine düstere Bildsprache diesen Alltag in Stille, Abgeschiedenheit und Andacht wieder.

Dem Wunsch nach öffentlicher Aufmerksamkeit und den vermeintlichen „15 Minuten Ruhm“, der in Italien durch die Beliebtheit von Reality und Casting Shows weite Verbreitung findet, geht Lorenzo Maccotta (1983) in seiner Arbeit „Desidera“ nach. Bei Castings und Auditions, in Fernsehstudios und Agenturen der Unterhaltungsindustrie suchte er nach den Charakteren, die in dieses kollektive kulturelle Phänomen eingebunden sind.

Eine andere Seite der italienischen Medienlandschaft zeigt der Paparazzo Antonello Zappadu mit seinen Aufnahmen von Silvio Berlusconi in dessen Villa Certosa auf Sardinien. Aus großer Entfernung aufgenommen, die Gesichter unkenntlich gemacht, werden diese Bilder zu Beweisfotos für die Freizeitaktivitäten des italienischen Ministerpräsident im Kreise junger, leichtbekleideter Frauen.

Die Jury 2011
Robert Pupeter und Hans Herbig (Fotografen und Initiatoren der FotoDoks seit 2008)
Ulrich Pohlmann (Leiter der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums)
Armin Smailovic (Fotograf und FotoDoks Gewinner 2009)
Gordon Welters (Fotograf und FotoDoks Gewinner 2010)
Jörg Koopmann (Fotograf)
Sophia Greiff (Kunstvermittlerin und Krupp-Stipendiatin “Museumskuratoren für Fotografie”)
Gaia Tripoli (Bildredakteurin / Mailand)

FotoDoks Ausstellung UNGLAUBLICH – INCREDIBILE
13. Oktober bis 13. November 2011
Ausstellung im Münchner Stadtmuseum
Di – So 10.00 – 18.00 Uhr. Montags geschlossen.
St.-Jakobs-Platz 1
80331 München
http://www.muenchner-stadtmuseum.de

FotoDoks 2011 Dokumentarfotografie

FotoDoks hat sich innerhalb von drei Jahren als eines der wichtigsten Festivals für Dokumentarfotografie im deutschsprachigen Raum etabliert. Symposien, Werkstattgespräche und Ausstellungen sowie Vorträge hochkarätiger Fotografen bieten Raum für Austausch und Diskussionen zum Stand der aktuellen Dokumentarfotografie. Ein zentraler Bestandteil des Festivals ist die FotoDoks-Ausstellung, die von einer Jury aus den Bewerbungen der offenen Ausschreibung zum jeweiligen Festivalmotto kuratiert wird.
http://www.fotodoks.de

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